Leserbrief zum Artikel „Schlecker ist Geschichte“ vom 1. Juni 2012 in der Schwäbischen Zeitung

14. Juni 2012  Leserbriefe

Sehr geehrte Frau Schuhbauer, Ihr Leitartikel zu der endgültigen Insolvenz der Drogeriekette Schlecker wird der Sachlage nicht gerecht. Sie schreiben in der Überschrift „Schlecker ist Geschichte“. Das ist nicht der Fall: Die arbeitslosen Angestellten werden lange an der seelischen Belastung leiden, die ein solch langer Prozess von Entlassung mit sich bringt. Es ist eben nicht ausgemacht, wie schnell und unter welchen Bedingungen sie neue Arbeit bekommen werden. Dazu schreiben Sie in einem sehr wohlgemuten Ton, die Mitarbeiter müssten „sich öffnen: neuen Aufgaben, neuen Kollegen, neuen Herausforderungen.“ So kann man natürlich eine demütigende Situation schön schminken. Das ist der Ton, der eine nicht verschuldete Zwangslage in eine persönliche Verantwortung, eben „Selbstverantwortung“ umdreht: Es liegt an dir, das Beste daraus zu machen. Diese Mitarbeiter waren, und da haben Sie recht, auf Grund der unternehmensrechtlichen Konstruktion ohne bedeutenden Einfluss, und nun sind sie unverschuldet in einer großen materiellen und seelischen  Ungewissheit. Sie waren nicht „Mitarbeiter“, sondern schlicht und einfach lohnabhängige Menschen. Ihre Bemerkung, „die Mitarbeiter kehren die Scherben auf“, ist für mich unverständlich. Was kann das konkret bedeuten, die Scherben aufzukehren?  Ob und inwieweit es neue Arbeit gibt und unter welchen Bedingungen, ist unsicher. Sie schreiben, „die Chancen, beruflich neu Fuß zu fassen, sind besser denn je..“. Auf welchen Zeitpunkt beziehen Sie sich und was gibt Ihnen die Sicherheit zu dieser Zuversicht?

Soll der  Schluss, in dem Sie schreiben, „es werden eben nicht nur hoch qualifizierte, junge Männer gebraucht“,im Umkehrschluss heißen, nun könne man auch ältere bzw. alte, nicht qualifizierte Frauen brauchen?

Da sind wir doch nahe an der Bemerkung des Wirtschaftsministers Rösler, man könne die Schlecker-Angestellten schnell „einer neuen Verwendung zuführen“. Diese  Ausdruckweise drückt die Wahrnehmung eines Teils der Elite unfreiwillig präzise aus. Ihr sollten Sie als Zeitung nicht Vorschub leisten.

Mit freundlichen Grüßen
Paul Wachter

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